Alles für den großen Gott

„Der Herr soll mich brauchen, ein Sonnenstrahl zu sein, der alle Tage leuchtet. Das möchte ich lernen, Herr, dass ich bei allem, was du schickst, ganz strahlend, ganz verlangend vor dir stände. Und keine Worte, keine Antwort fände als nur ein frohes: Ja! Es ist ja alles für den großen Gott!“ (Schwester Maria Euthymia)

„Es ist ja alles für den großen Gott”? Man kann sich denken, dass ein solcher Satz aus Stärke gesagt ist. Es ist die Stärke eines Menschen, der an Gott geraten ist. Schwester Euthymias geistliches Leben war von einem grenzenlosen, kindlichen Vertrauen auf die liebende Barmherzigkeit Gottes geprägt. Mit aller Kraft ihres Herzens hat sie für ihren Gott gelebt.

„Üffings Nönneken“

Emma Üffing wurde 1914 in Hopsten-Halverde im heutigen Kreis Steinfurt als fünftes von sieben Kindern in zweiter Ehe geboren. Sie wuchs im Kreise einer gläubigen Familie in dörflicher Umgebung auf. Im Alter von 18 Monaten erkrankte sie an Rachitis. Diese Krankheit hatte Folgen für ihr ganzes Leben: Ihre körperliche Entwicklung verzögerte sich, sie blieb schwächlich, konnte schlecht laufen. Am linken Auge hatte sie eine angeborene Lidsenkung. Als Erwachsene war sie nur 1,56 Meter groß.

Schon früh fiel Emma ihrer Familie und den anderen Bewohnern von Halverde durch ihre tiefe Frömmigkeit auf. Bald wurde sie „Üffings Nönneken“ (Üffings Nonne) genannt. Emma half in der Küche und auf dem elterlichen Hof. Arbeiten nahm sie gern anderen ab: „Dat kann ick wuoll!“ (Das kann ich wohl!)

Nach einer Ausbildung zur Hauswirtschafterin trat die 20-Jährige 1934 in den Orden der Clemensschwestern in Münster ein. Fast wäre ihre Hoffnung, in die Kongregation eintreten zu dürfen, durchkreuzt worden. Sie musste ihr Leben lang das Kreuz tragen, dass sie klein und schwächlich war. Sie bekam den Namen Euthymia (wird übersetzt mit „die Gutmütige“ oder „die Gutherzige“). Dieser Name passte wirklich gut zu Schwester Euthymia, die in ihrem Dienst Güte, Milde, Mut und Liebe gezeigt und gelebt hat.

Sie erlernte die Krankenpflege und war zwölf Jahre im St. Vinzenz-Hospital in Dinslaken tätig. Getragen von der Kraft des Gebets strahlte sie Menschlichkeit, Herzlichkeit und Güte aus.

„Engel der Liebe“

1943 wurde Schwester Euthymia die Pflege der kranken Kriegsgefangenen und Fremdarbeiter anvertraut. Sie machte keine Unterschiede zwischen Nationalität und Rasse und sah in ihnen nicht Feinde und Fremde, sondern Menschen, die Hilfe brauchten. So widmete sie sich ihrer Betreuung mit unermüdlicher Sorge und Herzlichkeit und tat die schweren Dienste mit Lächeln. „Ich diente und mein Lohn ist Friede.“ Durch ihre menschliche Zuneigung und Nähe vermittelte sie den Kranken Geborgenheit. Manch einer hat von ihr gesagt: „Sie war so gut zu uns wie eine Mutter.“ „Mama Euthymia“ und „Engel der Liebe“ nannten sie die Patienten. Ein Gefangener schreibt über sie: „Im Vinzenz-Hospital gab es keine SS, sondern wahre christliche Liebe. Ich wurde als menschliches Wesen behandelt und mit Güte.“

Schwester Maria Euthymia

„Manche Freudentage habe ich hier im Kloster bereits verlebt. Schon in den ersten Tagen fühlte ich mich ganz heimisch im Kreise meiner lieben Mitschwestern. Der göttliche Heiland gibt mir täglich besser zu verstehen, dass er mich erwählt und in seinen Dienst berufen hat. Wohl kommen hier und da Opfer vor, doch die Liebe ist stärker und überwindet alles.“

Aus Briefen und Notizen von Sr. M. Euthymia.…

Treue im Kleinen

1948 übernahm Schwester Euthymia die Leitung der großen Wäscherei im Mutterhaus der Clemensschwestern und der Raphaelsklinik in Münster. Es fiel ihr nicht leicht, in das Waschhaus zu gehen, da sie mit Leib und Seele den unmittelbaren Dienst an den Kranken liebte. Trotz der Überfülle der Arbeit blieb sie die einfühlsame und immer hilfsbereite Schwester, die für jeden und jede ein freundliches Lächeln und ein gutes Wort hatte, und allen, die sie um Hilfe baten, half. Sie lebte nach dem Motto: Was immer wir tun, wir sind nur „unwürdige Diener. Wir haben nur unsere Schuldigkeit getan“ (Lk 17,10). In der Treue im Kleinen lag ihre Größe. Weder durch Worte noch durch Taten hat sie großes Aufsehen erregt. Sie war eine Frau des Alltags; sie lebte ihre Berufung in Gehorsam auf die alltäglichen Umständen hin.

Die Kraft für ihre Arbeit und ihre Stärke im Dienen holte Schwester Euthymia aus dem Gebet. Sie liebte es, in ihrer freien Zeit in der Kapelle oder später in Münster in der St. Servatiikirche zu beten. Sie erfuhr in der Anbetung vor dem Allerheiligsten in St. Servatii die Freiheit eines Menschen, dem es gelingt, im Labyrinth der Alltagswirrnis zu seiner Mitte, zur göttlichen Mitte im eigenen Inneren zu finden. Die Freiheit des Sich-geborgen-Wissens in Gott schenkte ihr die Freiheit des Sich-ganz-verströmen-Könnens. Viele, die sie kannten, baten sie um ihr fürbittendes Gebet.

Glaubensvorbild

Nach einem kurzen schweren Krebsleiden starb Schwester Euthymia im Alter von nur 41 Jahren am 9. September 1955. Direkt nach ihrem Tod begann die Verehrung dieser Ordensfrau; für das Volk ist sie eine Heilige. Vor ihrem Sterben hatte sie anderen versprochen, bei Gott für sie zu bitten.

Immer wieder und bis heute erbitten Menschen die Fürsprache von Schwester Euthymia. Und viele sehen sich erhört. Mehr als 150.000 Briefe im Mutterhaus der Clemensschwestern geben Zeugnis davon. Am 7. Oktober 2001 wurde ihr Lebensbeispiel auch offiziell durch die Seligsprechung herausgestellt.

In ihrer kompromisslosen und liebevollen Hinwendung zu Hilfsbedürftigen hat eine Selige wie Schwester Euthymia uns heute viel zu sagen. Sie suchte nicht sich selbst, sondern hat sich vollständig hingegeben, aus Liebe zu Gott und zu ihren Mitmenschen. So entfaltete sich ihr Leben als ein großes Zeugnis von Glaube, Hoffnung und Liebe. Ihr liebevolles Handeln ist ein aktuelles Beispiel von Einsatz für Gerechtigkeit und Versöhnung in einer Welt, in der noch immer große Teile heimgesucht werden von Hass, Gewalt und Unterdrückung. Sie lehrt uns – in einer Zeit zunehmender Gottesverfinsterung – bewusst zu leben aus dem Quell des Lebens und der Liebe, der Gott ist.


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